Wings for Life - Stiftung für Rückenmarksforschung

 

Neuigkeiten

18. März 2010

Mein massgeschneiderter Anzug

Liebe Freunde,

 

Nun ist es also vorbei, und ich bin zum ersten Mal pensioniert. Das "Ausmass" dieser Situation ist mir noch nicht so ganz bewusst. Über 20 Jahre gehörte der Skirennsport zu meinem Leben, und plötzlich ist es vorbei. Ich werde ja durch meinen Expertenjob beim ZDF weiterhin dabei sein, aber nicht mehr mittendrin. Keine einfache Situation für mich.

Mein Abschied in Garmisch war sehr emotional. In den vergangenen 10 Jahren habe ich zusammengerechnet nicht so oft geweint wie in dieser Woche beim Weltcupfinale. Bei jedem Abschied von einem Betreuer oder Läufer wurden emotionale Worte ausgetauscht, welche unverzüglich die Tränen in meine Augen trieb. Es war immer mein Wunsch dass ich so zurücktreten durfte. Gesund, gemocht, und auch geschätzt. Die Sympathie welche mir entgegengebracht wurde war einfach unbeschreiblich. Zudem erlaubte mir die FIS meinen Abschied richtig zu zelebrieren. So bekam ich absichtlich die allerletzte Startnummer bei meinem Rennen, damit ich mir soviel Zeit nehmen konnte wie ich mir wünschte. Das Outfit wählte ich sehr sorgfältig. Mein massgeschneiderte Anzug sowie die kurzen Hosen mit den weissen Kniestrümpfen liessen mich seriös und auch witzig aussehen. Im Starthaus öffnete ich zusammen mit meinen Physiotherapeuten sowie meinem Servicemann eine Flasche Champagner. Wir stiessen auf unsere einmalige Zusammenarbeit an, und bedankten uns gegenseitig. Die Situation war herzergreiffend, und meine Augen blieben ein weiteres Mal nicht trocken. Unter dem Applaus der anwesenden Betreuer startete ich zu meiner letzten Fahrt. Ziemlich schnell spürte ich, dass ich optimistisch ans Werk ging mit meinen kurzen Hosen. Bei allen Coaches bremste ich ab, um mich zu bedanken und zu verabschieden. Dabei staubte jeweils der Schnee auf, und verteilte sich auf meinen nackten Schenkeln. Erfrischend. Im unteren Teil der Piste bemerkte ich alle Athletinnen, welche ihre Kursbesichtigung unterbrachen, um mir auf meiner Fahrt zu winken. Als ich dann die Ziellinie überquerte, war ich komplett überwältigt vom anhaltenden Applaus aller Anwesenden. Die ersten Worte im Ziel fielen mir verständlicherweise etwas schwer.

 

Für mich erfüllte sich mit dieser letzten Fahrt ein langer Traum. Ich wollte unbedingt die letzte Saison gesund und erfolgreich überstehen. Zudem wollte ich bei meinem Rücktritt einen Eindruck hinterlassen.

Mein Wunsch war es, dass ich nicht klanglos von dieser Bühne abtrete, sondern dass ich den Skiweltcup mitgeprägt habe. Ich bin überglücklich, dass ich das erreicht habe. Jedenfalls konnte ich im Anschluss an das Rennen nur kurz auf dem Liegestuhl Platz nehmen, welche meine Teamkameraden für meinen "Ruhestand" bereitstellten. Ein richtiger Interviewmarathon erwartete mich. Immer in meiner Hand, das übergrosse Glas, gefüllt mir bestem bayrischen Weizenbier. Das nachfolgende Damenrennen wurde schon lange gestartet, doch die Journalisten hingen mir immer noch an den Lippen. Als ich letztendlich ins Hotel zurückkehrte, waren meine Knie doch etwas steifgefroren. Es blieb mir nicht sehr viel Zeit, um mich zu erholen. Meine grosse Abschlussparty wartete auf mich. Wir verbrachten einen unvergesslichen Abend, und ich fiel komplett erschöpft ins Bett, als sich draussen schon der neue Tag ankündigte.

 

Für mich ist nun die Zeit gekommen, ein Fazit zu ziehen nach meiner Karriere. Was meine Resultate betrifft, überlasse ich es lieber anderen zu urteilen ob ich genügend Erfolg hatte. Was die Statistik betrifft, wurde von den Journalisten zu meinem Abschied alles geschrieben. Ich persönlich bin überglücklich mit allen Rangierungen und Erfolgen welche ich erreicht habe. Sicherlich wäre noch mehr möglich gewesen, aber ich denke dass jeder Läufer dasselbe Gefühl hat bei seinem Rücktritt. Für mich spielt es aber letztendlich keine Rolle, ob ich nur 4 Rennen gewonnen habe, oder sogar zehn. Die Anzahl Siege, Podestplatzierungen oder Medaillen repräsentiert für mich nur eine statistische Zahl. Für mich persönlich zählen alle emotionalen Momente, alle Erlebnisse, die Lebensschule, sowie auch die wichtigen Niederlagen. Ich möchte keinen einzigen Moment meiner gesamten Karriere missen, und würde heute alles genauso wiederholen. Bestimmt gab es Situationen und Erlebnisse, auf welche ich gerne verzichtet hätte, jedoch gehört dies auch dazu. Zudem überwiegen bei meinem Rückblick nur die positiven Seiten.

Und so trete ich also ab von dieser Bühne. Der Wehmut ist gross, denn nach vielen vielen Jahren im Weltcup ist das Ende abrupt. Ich beobachte meine Kollegen welche die nächste Saison planen zusammen mit den Coaches und den Skifirmen, und es schmerzt mich. Der Zeitpunkt meines Rücktritts ist perfekt. Ich hatte eine gute Saison mit meinem Höhepunkt bei der Lauberhornabfahrt. In der Weltrangliste zähle ich immer noch locker zu den 10 besten Abfahrern der Welt. Es kann mir also niemand nachsagen, dass ich das berühmte Jahr zulange gefahren bin. Die Entscheidung ist gut überlegt und kommt zeitlich genau richtig. Die Luft im Skirennsport ist dünn, und es braucht die volle Konsequenz und Risikobereitschaft um vorne mitzufahren. Mit meinem Alter wurde dies immer öfters zum Problem, und ich wehrte mich stark, um nicht in der Versenkung zu verschwinden. Ich spürte oft, dass sich mein Inneres dagegen sträubte. Somit war die Zeit reif.

Ich möchte mich bei Allen bedanken, welche mich unterstützt, motiviert und geholfen haben. Vielen Dank für das Daumendrücken. Ich hoffe, dass ich euch angenehme und spannende Stunden vor dem TV beschert habe, und euer Leben etwas bereichert habe.

 

Ganz liebe Grüsse, Büxi

 

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